Mordskomischer Tschechow

Mordskomischer Tschechow

May 16th, 13:33

    " " 2012

    WAZ


    Das Moskauer Theater der Nationen" bringt Das schwedische Zündholz" bei den Ruhrfestspielen auf die Bühne. Und es geht beinahe britisch zu - wie bei Monty Python

    Von Ralph Wilms
    Skandinavier würden das abgedrehte Genre Pantomime" nennen, dabei wird reichlich gequasselt und auf der Bühne geht's turbulent zu. Briten nennen es Vaudeville, aber diesmal passiert die Verwandlung ins Slapstickhaft-Komische ausgerechnet einem Tschechow, in dessen vier großen Komödien" es wenig zu lachen gibt. Die Ruhrfestspiele aber haben das Moskauer Theater der Nationen" eingeladen, um einen frühen Text des Arztes und Seelendeuters zum hochtourigen Spaß umzufunktionieren: Das schwedische Zündholz".

    Der titelgebende Gegenstand ist I das vermeintliche Beweismittel in einem obskuren Mordfall": Der örtliche Gutsherr ist verschwunden, ach was, bestimmt ermordet. Und ein überdrehtes Häuflein kriminalistischer Dilettanten ermittelt. Zum Glück für die Zuschauer reicht die Thippe des Regisseurs Nikita Grinshpun - trotz der Kostümierung mit Melone und Kleppermantel - für keine Sekunde an die Coolness eines Sherlock Holmes heran.

    Die einzigen Briten, die dieser wild grimassierenden, mit artistischer Perfektion über die Bühne tobenden und dabei noch höchst passabel musizierenden Bande nahe kommen, wären wohl Monty Python. Ob die gesprochenen Pointen der Russen auch so pythonesk ins Derbe spielen, verrät die Übertitelung nicht. Sie ist ohnehin kaum zu lesen, weil der Bühnenhimmel über einer herzig-nostalgischen Fin de siecle" - Bilderwand voller Lampen und Laternen hängt.

    Das macht fast gar nichts. Viel zu groß ist die Freude mitzuerleben, was diese Verhör-Spezialisten mit einem schlichten vierbeinigen Tisch anstellen, wie aus gespielter Volltrunkenheit hinreißende Bodenakrobatik wird und das Weinen einer Zofe zur Heulbojen-Koloratur. Singen kann die Thippe nämlich auch: druckvoll bis eindrucksvoll Und der Fahndungsdruck der beiden Amateur-Detektive (einer sieht aus wie ein schüchterner Urotzki, sein cholerischer Gegenspieler wie Kenneth Branagh) ist selbst im orthodoxen Gottesdienst nicht zu bremsen. Das vermeintliche Mordopfer wird dann in Unterhosen gestellt und liefert seinen Verfolgern eine allerliebst choreographierte Prügelei.

08.05.2012 17:35 Uhr

Ruhrfestspiele Recklinghausen"Das schwedische Zündholz" von Tschechov brillant inszeniert

RECKLINGHAUSEN Als Tschechow "Das schwedische Zündholz" schrieb war er 23, Medizinstudent, literarisch erst am Anfang. Aus dieser kleinen Posse wird bei den Ruhrfestspielen großes, pralles, urkomisches Volkstheater.Von Kai-Uwe Brinkmann

Beim Ensemble des Schwedischen Zündholzes sitzt jede Geste, jede Bewegung und jedes Blinzeln. (Foto: Taras Kutcenko)

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Verantwortlich für diesen, man darf wohl sagen, Geniestreich in Sachen burlesker Unterhaltung ist das Moskauer Theater der Nationen. Das versteht sich als Experimentierfeld vieler Disziplinen, und so war bei der Deutschland-Premiere am Montag ein virtuoses Zusammenwirken von Sprechtheater, Slapstick, clownesker Körperkomik und Musik zu bestaunen.

Wie diese Truppe mit den Requisiten jongliert! Wie der Tisch zur Tür, zum Gefängnis, zur Kutsche wird! Wie perfekt die Choreografie sitzt, wenn drei Mann im Handgemenge sich verhaken und mit Abklatschen eine Schlägerei andeuten!

Und wie aus allem, jeder Regung, jedem Tänzchen, der blanke Schalk hervorlugt und dem Publikum ein Lachen ins Gesicht zaubert!

Eine bestechend intelligente Regie (Nikita Grinshpun, der am Schluss bescheiden hinter den Darstellern steht) trifft auf ein Ensemble, das vor Spiellust schäumt. Sie karikieren ihre Figuren, manche mehr, manche weniger. Damen fallen gern in exaltiertes Stummfilm-Schmachten. Und selten hat man einen Beschwipsten so wunderbar schwanken und mimisch um Haltung ringen sehen wie hier.

Schelmische Räuberpistole

Das Parodistische ist schon bei Tschechow angelegt, der mit dieser Erzählminiatur ein Sittenbild und eine schelmische Räuberpistole liefert. Gutsherr Klausjow ist verschwunden, vermutlich ermordet!

Ein Untersuchungsrichter und sein Gehilfe vernehmen Zeugen und besichtigen den Tatort. Holmes und Watson als Einfaltspinsel. Der Gehilfe kombiniert wie wild: Eindeutig Mord!

Dramatisch und sentimental

Alles nur Kokolores. Die Handlung tritt aber in den Hintergrund, so sehr fasziniert das Spiel dieser russischen Väter der Klamotte. Sie singen und doppeln musizierend die Gefühlslagen, ob dramatisch oder sentimental.

Jeder spielt hellwach und quicklebendig. Dass Russisch gesprochen wird (Übersetzung per Laufbandtext), ist kein Handicap. Rauschender Applaus.

Nur noch am 9. Mai, 20 Uhr, Karten: Tel. (02361) 921 80.

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